Handeln im Wandel

Zu welchen Veränderungen wollen wir beitragen?

Als systemische BeraterInnen beschäftigt uns intensiv die Frage, ob die professionelle Allparteilichkeit unter den aktuellen ökologischen und gesellschaftlichen Veränderungen aufrechtzuhalten ist und bei welchen Fragen wir Position beziehen müssen. Die von uns beratenen Organisationen ringen ja um die Antworten auf ebengleiche Veränderungen. Im Dialog mit unseren Kunden geht es auch darum, wie ihr Handlungsspielraum erweitert werden kann und welche Fragen dabei hilfreich sind. Im Vorfeld ist dazu essentiell, dass wir uns Gedanken machen, welche Veränderungen unsere Fragen triggern können und bei welchen wir wirkliche Hebelwirkung vermuten.

Wir erleben nicht nur, dass alte kulturelle Formen, Institutionen, Gewissheiten erodieren, sondern auch, dass sich neue herausbilden. Unter den neueren Entwicklungen lassen sich bereits unterschiedliche Richtungen erkennen. Wenn wir zur Stärkung einer demokratischen und pluralisierten Gesellschaft beitragen wollen, dann erfordert es einen klaren Blick, Urteilskraft und die Kenntnis von größeren Zusammenhängen, damit wir unsere Aufmerksamkeit und Energie auf beeinflussbare Dynamiken konzentrieren.

Die technischen Möglichkeiten rund um uns entwickeln sich in einem rasanten Tempo und beeinflussen das gesellschaftliche Zusammenleben in einer Art und Weise, die man nicht voraussagen kann. Klar ist jedoch, dass sich Menschen in ihren Bedürfnissen nicht parallel zu diesem Tempo entwickeln, sondern wesentlich langsamer. Veränderungen in der Arbeitswelt, die steigende Anforderungen nach Flexibilität und Mobilität ermöglichen wenig Kontinuität in Beziehungen. Das  verunsichert viele Menschen und löst eine Suche nach stabilen Ankern aus. Jede(r) Einzelne sucht nach den eigenen Anhaltspunkten und einen Umgang mit den Widersprüchen seines/ihres Umfeldes. In einer pluralisierten Gesellschaft gibt es keine Kultur mehr, die selbstverständlich ist, und keinen vorgezeichneten Weg, wie man sein Leben leben soll. Das eigene Leben, das eigene Weltbild könnte immer auch ein anderes sein. Das Eigene bedarf immer einer Entscheidung und das ist anstrengend. Dieser Erfahrung der Offenheit und Unsicherheit entgeht heute niemand. Diese enorme Vervielfältigung der Möglichkeiten löst sowohl Begeisterung und noch mehr Beschleunigung und ebenso auch Nostalgie und Abwehrmechanismen aus.

Zur Beschreibung der aktuellen Situation ist es hilfreich den Begriff der Digitalität einzuführen. Er wurde in den Geisteswissenschaften entwickelt und geht auf die Arbeiten von Manuel Castells zurück. Er meint mit Digitalität die Verschränkung von "digitalen" und "analogen" Wirklichkeiten und eröffnet im Gegensatz zu Digitalisierung eine nicht technikfixierte Perspektive auf die Veränderungen unserer Zeit. Die Vernetzung technisch-digital-virtueller mit organisch-analog-realen Lebenswelten steht im Zentrum der Idee. Unter dem Einfluss dieser digital-analogen Vernetzungsprozesse befinden sich Individuen und Kollektive zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem Experimentierstadium und in diskursiven Aushandlungsprozessen über den "richtigen" Umgang mit technischen Innovationen und digital-analoger Balance. Wie können und müssen die digitalen Plattformen verändert werden, damit sie den Dialog fördern? Wie können Algorithmen so verändert werden, dass sie die Kontinuität und Verbundenheit der Menschen mit ihren spezifischen Lebenswelten ermöglichen? Wie können Algorithmen entwickelt werden, die Menschen nicht nur nach Ähnlichkeit verbinden und die kognitive Dissonanz minimieren, sondern die Erfahrung mit Ambivalenz und Diversität stärken?

Die meisten langfristig relevanten Entwicklungen nehmen jetzt konkrete Formen an, nachdem sich die digitale Infrastruktur und die durch sie in den Alltag gebrachten Praktiken verbreitet haben. Oder wie Clay Shirky treffend auf den Punkt bringt: “Kommunikationsmittel werden erst dann sozial interessant, wenn sie technisch langweilig werden.“  Was schon beobachtbar ist, dass die Konventionen der Internet- und Open-Source-Communities und ihre prozessuale und auf Interaktion ausgerichteten Kooperationsformen immer mehr in anderen Kontexten auftauchen.

In der Kultur der Digitalität lassen sich zwei große politische Tendenzen beschreiben, die noch eine offene und beeinflussbare Dynamik haben. Es geht dabei um zwei ganz unterschiedliche Richtungen, doch beide nutzen die aktuellen gesellschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen aus und treiben diese weiter:

Postdemokratie

Hier geht es um Strategien, die die enorme gesellschaftliche Kommunikationsfähigkeit von den Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten entkoppeln. Alle können mitreden und ihre Meinung äußern, entschieden wird aber von einigen wenigen. Von den Einzelnen wird sehr viel Selbstverantwortung verlangt, sie können jedoch kaum Einfluss auf die Bedingungen, unter denen sie agieren müssen, ausüben. Die Masse ist interessant als Follower oder Fan aber nicht als Souverän eigener Meinung und Entscheidungskraft. Es geht hier um ein im Kern autoritäres System. Die Technologien dienen einer kleinen Minderheit, die Wissen und Informationen monopolisieren kann. Schon heute haben Google und Facebook ein jährlich höheres Forschungsbudget als Deutschland und Frankreich für Grundlagenforschung zusammen. Diese Art von Forschung der Konzerne wird kaum publiziert, dient dem Wohl und Machterhalt des Konzerns. Schon heute gibt es klare Tendenzen in südamerikanischen Gesellschaften zu einer ganz dünnen besitzenden Klasse, die ohne Verantwortungs- und Solidaritätsgefühl für andere gedeiht.

Commons

Hier geht es um eine Strategie zur Entwicklung von Institutionen bzw. um Rahmenbedingungen, die Beteiligung und Entscheidung direkt miteinander verbinden. Darüber hinaus geht es um den Anspruch, ökonomische, ökologische und soziale Themen zusammenzuführen und nicht als getrennte Sphären zu behandeln. Getragen wird die Idee der Commons von Solidarität und Verantwortungsgefühl. Dies basiert auf der Erkenntnis, dass es mir besser geht, wenn es anderen auch besser geht. Damit dieser Ansatz gelingen kann, ist ein großer Bildungsaufwand erforderlich, damit junge Erwachsene, wenn sie das Schulsystem verlassen, tatsächlich verantwortungsvoll handeln, den Dialog pflegen, mit Ambivalenz umgehen können und die Meinung ihrer Peergroup nicht für die letzte Wahrheit halten.

Demokratische Politik ist nicht nur die rationale Lösung von sachlichen Problemen, sondern bedeutet auch die Herstellung eines emotionalen Konsenses. Das braucht eine Politik, die positiv berührt und Identitätsangebote macht. Es geht dabei immer um Anerkennung, Achtung und die Herstellung von Gerechtigkeit. Partizipation erzeugt einen Resonanzraum, in dem man/frau gehört wird. Teil der Gesellschaft zu sein, heißt wahrgenommen werden, in dieser Form realisiert sich heute Zugehörigkeit. Die Verknüpfung von digitalen und analogen Entwicklungen soll heute im Sinne der Commons emotionale, soziale und kognitive Nähe herstellen und die Autonomie von lokalen Einheiten stärken. In diesem Sinne gilt es, Netzwerke zu erweitern, digitale und analoge Plattformen zu schaffen, um den Dialog zu fördern.

Wir haben einen Einfluss darauf, ob wir in einer postdemokratischen Welt der Überwachung und Wissensmonopole oder in einer Gesellschaft der Commons und der Beteiligung leben werden – die Zukunft ist offen. Unseren Handlungsspielraum als BeraterInnen wollen wir dafür nutzen, dass das Letztere wahrscheinlicher wird. In diesem Sinne ist es wichtig, die Allparteilichkeit aufzugeben und die Fragestellungen der Kunden immer in einem größeren Zusammenhang zu betrachten und Veränderungen im Sinne der Commons zu stärken.

 

Literatur/Quellen

Manuel Castells: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft Das Informationszeitalter. Wirtschaft. Gesellschaft. Kultur.
Isolde Charim: Ich und die Anderen
Harald Katzmaier: Macht und Ohnmacht des Digitalen
Felix Stalder: Kultur der Digitalität
Ö1 18.1.2018 Ulrich Brand – Sendereihe Im Gespräch
Ö1 27.10.2019 Kurt Kotrschal: Was uns zu Menschen macht – Sendereihe Gedanken
André Schier: Identitäten in Digitalität vom digital lifestyle zu design your life. Generation und politische Kultur im Zeichen gewandelter Lebenswelten in Deutschland im Digitalitäts-Diskurs in Werbung

Anita Lung

Anita Lung

Soziologin und systemische Beraterin, Begleitung von Menschen und Organisationen in allen Phasen von Veränderungen; Hauptaugenmerk auf ressourcenorientiertem Arbeiten, um fruchtbare Arbeitskontexte und vertrauensvolle Kooperationen zu gestalten
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