Systemisches WEITER denken: Ein Ausblick auf das Systemicum 2020

„Die Gegenwart ist jener Punkt, von dem aus der Beobachter zwischen Vergangenheit und Zukunft unterscheidet“. Dieses Zitat von Niklas Luhmann war das Motto des Ersten Wiener Systemicums im Oktober 2018. Anlass für die gesamte Veranstaltung war der 30. Geburtstag von trainconsulting.

Zunächst sollte es ein Fest werden – mit Musik, gutem Essen und vielen (Wieder-) Begegnungen. Und dann entstand die Idee, auch inhaltlich unsere Geschichte nach zu erzählen: Wie sind wir geworden, was wir sind? Von wem haben wir gelernt? Was beschäftigt uns heute? Und wie stellen wir uns die Zukunft vor? Ein kleines Symposium sollte es werden. Unsere wichtigsten Wegbegleiter sollten da sein. Heute ist das Erste Wiener Systemicum bereits Geschichte. Und wir sind immer noch überwältigt von den Reaktionen unserer Gäste.

Über 150 Menschen waren gekommen. Viele von ihnen waren sehr bewegt und angeregt durch die Diskussionen und auch über die Zusammensetzung der Panels. Erst im Nachhinein wurde uns klar, dass wir offenbar etwas ganz Neues und Wichtiges geschaffen hatten: einen Raum für Dialog mit Menschen, die einander normalerweise kaum begegnen, über Themen, die viele Menschen heute beschäftigen. Es ist uns gelungen, Theorie mit der Praxis, Vergangenheit mit der Zukunft und die Lebenswelten „Gesellschaft“ und „Organisation“ miteinander zu verbinden und einen Rahmen für Diskurs zu schaffen. Die positive Resonanz ermutigt uns, das Systemicum weiter zu denken.

Aber der Reihe nach ...

I. Der Blick zurück

Unsere theoretischen Wurzeln im Systemischen Denken

„Wir bringen die Band wieder zusammen“ – das war der Schlachtruf: Wir wollten unsere Lehrer, Förderer, Wegbegleiter am Podium sehen, um gemeinsam Rückschau zu halten: Wie hat sich Systemisches Denken entwickelt, was sind unsere gemeinsamen Wurzeln, welches Resümee können wir nach so vielen Jahren ziehen?

Systemisches Denken 1.0: Die ersten Ideen, wie das Leben funktioniert
Systemikerinnen1) stehen auf starken, breiten Schultern von Vordenkerinnen: George Spencer Brown, der Formallogiker, hat uns den Gedanken, dass alles Beobachten Unterscheiden ist, geschenkt. Gregory Bateson, der Ethnologe, hat Muster der Kommunikation erforscht und unsere Aufmerksamkeit von der Einzelperson auf die Interaktion gelenkt. Heinz von Foerster, der Kybernetiker, hat uns diese Interaktionen als Regelkreise, als kybernetische Schleifen nahegebracht. Die beiden Biologen Humberto Maturana und Francesco Varela haben uns gezeigt, wie „Leben“ lebt: als autopoietisches System, das die Fähigkeit der Selbsterschaffung hat. Ernst von Glasersfeld hat uns mit dem Gedanken erschüttert, dass alle Realität eine Konstruktion ist, und Niklas Luhmann hat uns eine Theorie sozialer Systeme übergeben, die uns hilft, Organisationen und Gesellschaft besser zu erklären. Auf diesen – und auf vielen anderen – Schultern stehend entstand das, was wir heute „Systemisches Denken“ nennen. Und wenn man will, kann man auch Siddharta/Buddha zu den Anfängen dieses Denkens zählen.

Den markanten Beginn dieses Denken bilden die Macy-Konferenzen zwischen 1946 und 1953: dort trafen diese und viele andere Wissenschaftler aus unterschiedlichen Gebieten zusammen und erforschten gemeinsam unser Denken und unser Handeln. Die Idee der Zirkularität und der Feedbackprozesse wurde zum ersten bestimmenden Verständnis menschlichen Denkens und menschlicher Kommunikation.

Der Funke sprang über. Die Infektion begann.

Systemisches Denken 2.0: Die ersten Ideen, was die Theorie für die Praxis leisten kann
Fritz B. Simon, Rudi Wimmer, Axel Exner, Herbert Schober-Ehmer, Sebastian Schuh und Joana Krizanits gehören zu jenen Pionierinnen, die die theoretischen Konzepte in die Praxis der Organisationsberatung hineintrugen. Ihre persönlichen Geschichten, wie sie (zumeist von der Gruppendynamik kommend) zum Systemischen Denken fanden, handeln durchgehend von einer Erfahrung, mit dem „alten Denken“ an eine Grenze gekommen zu sein. An dieser Grenze fand und findet Lernen und Entwicklung statt. Systemisches Denken bot mehr, andere und bessere Lösungen, neue Wege und Instrumente an, um mit komplexen Situationen umzugehen. Bis heute ist das die Qualität systemischen Denkens: Komplexität bearbeitbar zu machen.

Systemisches Denken 2.0 war und ist auch heute immer noch eine neue Form, die Welt zu erkennen und sie sich zu erklären, es ist immer noch nicht Mainstream. Wir sind davon überzeugt, dass durch Systemisches Denken unsere komplexe Welt, unsere großen Themen besser erklärt und auch bessere Lösungen gefunden werden können. Aus diesem Grund sind wir – die auf dem Podium saßen – auch von dem Wunsch erfüllt, dieses Denken weiter zu geben, eine „systemische Infektion“ auszulösen.

Zugleich brachte die lebhafte und fundierte Diskussion auch die Entwicklungsfelder zutage, die im Zusammenhang mit Systemischem Denken vor uns liegen. Obwohl die Theorieentwicklung weitgehend abgerundet erscheint, und obwohl es auch ein breites Repertoire an Interventionsinstrumenten gibt, sind zumindest zwei Entwicklungsrichtungen deutlich geworden:

Viele – auch systemische – Beraterinnen verfügen über kein theoretisch fundiertes Organisationsverständnis. Immer noch „bestehen“ Organisationen aus Menschen, immer noch wird versucht, die Organisation über die Entwicklung von Personen zu verändern.
Die Öffnung Systemischen Denkens für den weiteren Kontext – für die Gesellschaft und ihre Entwicklungen – liegt noch vor uns. Das Zusammenspiel von Organisationen und Gesellschaft, die Wechselwirkungen zwischen diesen sozialen Systemen, aber auch die Frage nach den Möglichkeiten der Intervention in gesellschaftliche Kontexte ist noch ein offenes Feld. Systemisches Denken war stets für seine – besonders durch Luhmann geprägte – neutrale und distanzierte Position bekannt. Als Mitglieder der Gesellschaft und auch als Expertinnen für Veränderung großer sozialer Systeme haben wir etwas beizutragen und Verantwortung. Diese Überlegungen führten uns direkt in eine neue Perspektive.

Zur Erinnerung oder für einen Einblick hier der Link zum Video:

thumbnailVergangenheit

 

II. Der Blick nach vorn

Der Blick in die Zukunft hängt von der Blickrichtung ab. Wir wollten zwei große Themen betrachten:

Die Zukunft von Organisationen und Führung

Beide Themen sind untrennbar miteinander verbunden, beide Felder sind derzeit in heftigen Bewegungen, ausgelöst vor allem durch technologische Entwicklungen. Moden bestimmen das Handeln, Unsicherheit über die Zukunft von Arbeit beschäftigt uns. Wohin geht die Reise? Wie gehen wir mit der Ungewissheit um? Welche Sicherheiten haben wir?

Die Diskussionsrunde dazu bestand aus VertreterInnen aus Unternehmen und aus Menschen mit einem anderen Blick auf das Thema „Organisation“:
Christian Felber (Gemeinwohlökonomie), Alois Kauer (VW Slovakia), Carl Lievens (Daikin), Konstantin Mitgutsch (Playful Solutions), Sigrid Thomaser (Energie Tirol) und Rudi Wimmer (osb) als jemand, der sich systemtheoretisch mit Organisation und Führung beschäftigt. Diskutiert wurde über Chancen, Möglichkeiten und Grenzen von Unternehmen angesichts umwälzender gesellschaftlicher Entwicklungen. Klar wurde: Unternehmen gestalten Gesellschaft mit – ob sie wollen oder nicht. Und sie sind mehr involviert, als es auf den ersten Blick scheint.

Zum Nachsehen:

organisation fuehrung

 

Die Zukunft der Gesellschaft

Organisationen und Führung sind eingebettet in unser gesellschaftliches Umfeld. Als Systemikerinnen können wir diese Umwelt nicht nicht beachten. Organisationen spielen in die Gesellschaft hinein, die Gesellschaft mit ihren Feldern wie Politik, Wissenschaft, Recht, Bildung usw. wirken zugleich in die Lebenswelt von Organisationen hinein.

Das hochkarätig besetzte Panel war für sich eine Sensation: über viele inhaltliche Unterschiede – von Caritas (Michael Landau) bis zur kapitalismus- und globalisierungskritischen NGO attac (Lisa Mittendrein), von der Ökonomie (Kurt Bayer, vormals WIFO) bis zu den Medien (Eva Linsinger, profil) von der Meinungsforschung (Günter Ogris, SORA) bis zur Systemtheorie (Fritz B. Simon) war man sich in einer Frage einig: wir erleben besorgniserregende Entwicklungen in der Gesellschaft.

Das Kernthema der Diskussion war: Wir befinden uns in einem fundamentalen Umbruch. Was geht zu Ende, wo entsteht Neues? Und wo entsteht Neues, das uns alle ermutigt, uns Hoffnung gibt? Werden wir ähnliche Katastrophen erleben, wie in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts?

Die Diskussion zeigte deutlich, dass alle jene, die sich und ihre Arbeit in den Dienst einer gesellschaftlichen Utopie von Demokratie, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden gestellt haben, heute verzweifeln. Die Vergiftung der Gesellschaft, die steigenden sozialen Ungleichheiten, die große Zustimmung zu autoritären Herrschaftsformen, all das ließ auch diese Runde verzagen.

Zugleich aber gibt es die andere Seite: junge Menschen, die sich engagieren, Wissenschaftlerinnen, die unermüdlich neue politische Analysen publizieren, Menschen, die helfen und Journalistinnen, die aufklären.

Der Blick in die Zukunft der Gesellschaft ist aus dem Blickwinkel der Gegenwart möglicherweise ein trüber. Aber eine bewusste Hinwendung zu jenen Entwicklungen, die positiv, ermutigend und inspirierend sind, geben Kraft.

Auch hier zum Nachsehen:

gesellschaft

 

Die Konstruktion der Gegenwart

Im Hier und Jetzt konstruieren wir. Dazu gaben wir den Teilnehmerinnen die Möglichkeit, mit Lego-Steinen die eigenen Visionen und Zukunftsbilder zu bauen.

Systemicum Lego2Systemicum Lego

 

III. Der Blick in die Zukunft des Wiener Systemicums

Die außerordentlich positive Resonanz auf unser Systemicum beflügelt uns und ermutigt uns, diesen Weg weiter zu gehen. Wir möchten Ihnen hier unsere ersten Überlegungen dazu vorstellen:

Systemisches WEITER denken.

Unter dieses Motto werden wir unsere weiteren Aktivitäten stellen.

WEITER denken: Wir machen weiter

Systemisches Denken ist aus unserer Sicht selbst ein Teil der Veränderung, die wir gesellschaftsweit erleben. Der Bruch mit dem linearen Denken, das einfache Erklärungen erzeugt, erfolgt auch auf dieser Ebene. Eine komplexe Welt, wie wir sie erschaffen haben, braucht andere Denkformen, um in ihr zu leben. Systemisches Denken zeichnet sich vor allem durch die Kraft aus, Komplexität gut bearbeiten zu können, ohne zu simplifizieren. Weil systemisches Denken in komplexen Zeiten wichtig ist, machen wir weiter.

WEITER denken: den größeren Kontext denken – Gesellschaft

Systemisches Denken hat sich in den Praxisfeldern „Therapie“ und „Organisationsberatung“ etabliert. Die Fragen gesellschaftlicher Entwicklungen, die Fragen nach Theorien gesellschaftlicher Veränderungen und Methoden zur Intervention auf gesellschaftlicher Ebene, sind unserer Meinung nach noch offene Themen für Systemisches Denken. Aus unserer Sicht ist daher eine neue Perspektive systemischen Denkens der Blick auf Gesellschaft.

WEITER denken: In die Zukunft denken

Wenn wir an die Zukunft denken, dann fallen uns Begriffe wie „Strategie“ oder auch „Interventionen“ ein. Wie können wir auf Entwicklungen in Organisationen und in der Gesellschaft Einfluss nehmen? Wir haben ein breites Repertoire an Methoden aus dem Systemischen Change Management. Möglicherweise sind manche davon hilfreich für gesellschaftlich positive Entwicklungen. Möglicherweise müssen neue Methoden der Intervention noch erfunden werden.

Organisation und Gesellschaft sind kommunizierende Gefäße, so unterschiedlich sie sein mögen. Wie können sie miteinander kooperieren?

Unser Vorhaben ist es, Theorie (zum besseren Verstehen von Entwicklungen) und Methoden der Intervention (zur Einflussnahme auf positive Entwicklungen) zu den beiden großen Systemen „Organisation“ und „Gesellschaft“ zu erforschen, gemeinsam zu lernen und uns zu vernetzen.

Diskutieren wir gemeinsam auf LinkedIn

 

Am 19. März 2020 sehen wir einander wieder, mit vielen neuen Ideen, Plänen, Erfahrungen.

Notieren Sie sich jetzt schon diesen Termin!
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.

Mit herzlichen Grüßen und den besten Wünschen für ein gutes und freundliches neues Jahr!
Ruth Seliger und das gesamte Team von trainconsulting

1) Wir bitten um Verständnis, dass wir im Sinne der Leserlichkeit nicht gendern.

Ruth Seliger

Ruth Seliger

Geschäftsführende Gesellschafterin von trainconsulting, systemische Beraterin für umfassende Veränderungsvorhaben in Organisationen und Entwicklung von Führung, Mitglied der ÖGGO
LinkedIn Xing

Beitrag als PDF speichern
FaLang translation system by Faboba